Es ist nicht Gottes Wort

 Photo by Sven Kaven, Cruz de Ferro, Kastilien und Leon, Spanien

 

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Transkript - Es ist nicht Gottes Wort

Seit Tagen bin ich im Norden Spaniens unterwegs. Die Sonne mit ihren unbarmherzigen Strahlen brennt sich ein - auf meiner Haut. Fühle mich gebraten, ausgelaugt. Die Füße begreifen sich nach über drei Wochen auf dem Weg, wie Steinklötze. Jeder Schritt schmerzt; dabei ist der Körper in Topform. Mein stiller Begleiter, namens Rucksack zieht mich zurück, zwingt mich in die Knie oder erinnert daran, was ich mitgenommen habe. Es sind nicht die Klamotten, der Schlafsack, meine Wegzehrung; es ist das Leben, dass sich durch die schmerzenden Hüften Aufmerksamkeit verschafft. Jede noch so kleine Erinnerung will seinen Platz haben. Sie ziehen an mir und die Striemen des Rucksacks brennen sich in das wunde Fleisch der Schultern.

 

 

„Kann ich etwas davon abgeben?“, frage ich mich laut.

 

 

„Ist es möglich, Platz für etwas zu schaffen dass danach bettelt eingepackt und mitgenommen zu werden?“

 

Das Atmen fällt mir schwer und bei jedem Heben der Brust, verengt sich das T-Shirt um meinen Oberkörper. Das Hemd, es ist schwitzig und riecht nach Mann. Es versprüht sein Mannesodor und keine Seele ist in der Lage, es zu bemerken. Das Leben selbst ist die einzige Zeugin, meiner inneren Unterhaltung. Es ist ein stilles, ein ehrliches Gespräch, dass niemanden braucht und dessen Inhalt so flüchtig ist, wie der Wind der mein Gesicht berührt.

 

In wenigen Tagen verlasse ich die Region Kastilien und Leon. 9 Tage ging es durch die Meseta, durch absolute Einsamkeit. Es war eine erfüllte Einsamkeit, Stille, die sich nur zeigt, wenn ich mit dem „Hier“ verbunden bin.

 

Es geht steil bergauf Richtung Cruz de Ferro. Das Kreuz, dass sich langsam vor mir aufbaut, steht auf einem Berg. Es ist ein Berg voller Steine. Pilger bringen diese mit auf ihrer Reise nach Santiago de Compostela. Jeder einzelne Stein birgt eine Geschichte aber vor allem ein Gebet:

 

„Herr, möge dieser Stein, Symbol meiner Mühen auf der Pilgerschaft, den ich zu Füßen des Erlöser-Kreuzes niederlege, dereinst, wenn über die Taten meines Lebens gerichtet wird, die Waagschale zugunsten meiner guten Taten senken. So möge es sein.“

 

Jetzt stehe ich hier vor dem Kreuz, ein Ungläubiger, der das Gebet weder braucht noch dafür in den Krieg ziehen wird. Es bedarf keines Richtens über mich oder das Leben, das ich lebe. Noch muss über ein vergangenes Leben gerichtet werden, dass „Gute“ gegen das „Schlechte“ abwägen zu lassen. „Gutes“ ist im Auge des einen Betrachters, dass „Schlechte“, das vielleicht „Unmögliche“. Das „Schlechte“ wiederum das „Gute“ für den, der aus einer anderen Perspektive drauf schaut. Die Sinnlosigkeit im Werten und Bewerten liegt in seiner Unbeständigkeit. Es liegt in der Endlichkeit des Gedankens und seiner grandiosen Vorstellung, bevor der Vorhang fällt. Auch ist es das Limitieren von Unlimitierbarkeit, dass in seiner Natur unendlich ist.

 

Es ist nicht Gottes Wort. Es ist das Wort, das sich einem Menschen zeigt, wenn er demütig auf das schaut, was er ist. Essenziel ist der Mensch Leben, er ist fehlbar – gegen Irrtümer nicht gefeit, unschuldig wahrnehmend in seinem Verständnis der Zeit zwischen Geburt und tot. Die Worte, die wir hören, sind die Worte, die wir innerlich aussprechen und mit denen wir uns im illustren Geschichtenerzählen verheddern. Wir kreieren Ideen vom Leben, in dem dem Erzähler mehr vertraut wird, als dem, was sich Augenblick für Augenblick direkt vor unseren Augen zeigt. Wir fangen an, dem Erzähler zu vertrauen, manchmal sogar selbst zum Erzählenden zu werden. In anderen Worten; wir verlieren uns im Modder „Gottes Wortes“.

 

Ich berühre den alten Holzpfahl, auf dem am Ende das Kreuz angebracht ist. Ich schau nach oben. Der stahlblaue Himmel lässt die Konturen des gleichfalls eisernen Artefakts verschwimmen. Aus meiner Hosentasche ziehe ich mein Notizbuch, öffne die letzte Seite der Kladde und entnehme ein Bild, welches meine Tochter mir mit auf den Weg gab. Es ist ein gemaltes Herz, in dessen Mitte „Papa“ geschrieben steht. Freude und Traurigkeit kommen an die Oberfläche und so zeigt sich diese in Tränen, die meine Augen verlassen. Zwischen einigen kleinen Steinen schiebe ich ihr Geschenk behutsam in einen Spalt des Pfahls.

 

Es gibt kein Gebet und es gibt keine Worte, die diesen Moment beschreiben können, und so finden Selbige auch keinen Weg in diese Geschichte. Gottes Wort ist oft genau das, was nicht ausgesprochen oder ausgeschrieben wird. Es ist, was sich durch körperliche Intelligenz, durch Verbundenheit zu sich und diesem Augenblick zeigt. Dabei gibt es nichts zu erreichen. Es gibt nur, in seiner Natur natürliches, demütiges, achtsames und gleichmütiges Geschehenlassen. Lass es einfach mal geschehen! Erlaube dir, die Worte Gottes zu hören, ohne dich am Wort „Gott“ abzuarbeiten. Am Ende steht „Gott“ für deine Verbundenheit zu dem, was ist. Bist du verbunden mit dem Leben, das du lebst, oder siehst du dich separat davon. Ist Leben vielleicht etwas, von dem du glaubst, das es dir geschieht? Die Antwort dazu kannst du in deinem Rucksack finden. Suche nie in den Gepäckstücken andere Menschen, sondern schau auf das, was sich deinen Händen ergibt, wenn du tief hineingreifst. Begrüße all das, liebe es, umarme es. Lade das ein, was dich scheinbar, ausbeutet, wenn es bereits mit dir am Tisch sitzt. Es will nur gesehen werden, ja sogar geliebt. Vielleicht verliert es seine Aggressivität oder seinen Hunger nach einem bestimmten oder gesehenen „ich“. Bemerkst du es, dann lebst du ein Leben und suchst es nicht.

 

Sei dein eigenes „Gottes Wort“, umarme die Welt und die Menschen, die dich lieben.

 

Sven Kaven, 19. Mai 2021

 

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Dein SEIN Kolumnist Sven Kaven

✍️Schriftsteller, integrierter Achtsamkeitslehrer nach MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction), Menschen-Fotograf und Langstreckenwanderer. Sven tut, was er liebt. Er lebt die Leidenschaft des Lebens und geht mit Neugierde in die Geheimnisse, die ihm jeder Moment aufs neue zeigt ... Moment für Moment. Sven wird dich im 14-Tägige-Rhythmus auf eine Reise in das Thema; "Leben im Jetzt, mit Gewahrsein und Mitgefühl" - mitnehmen. Durch seine Arbeit als Achtsamkeitslehrer fließt die eigene „Mindfulness-Praktice“ in die täglichen Herausforderungen, die sich ihm aber auch allen anderen Menschen stellen.

 

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